How long is now?
FOTO-RAUM
9.10.–10.12.2013
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: digitale Ansicht
KünstlerInnen: Michael Aschauer/AT, Boris Becker/DE, Stéphane Couturier/FR, Stefanie Hilgarth/AT, Anna Jermolaewa/AT, Martin Klimas/DE, Brigitte Kowanz/AT, Edgar Leciejewski/DE, Michael Michlmayr/AT, Jeff Nixon/US, Stephan Reusse/DE, Liddy Scheffknecht/AT, Werner Schrödl/AT, Jutta Strohmaier/AT, Hiroshi Sugimoto/JP, Martin Walde/AT, Flora Watzal/AT und Michael Wesely/AT
Vernissagenrede am 8.10.2013, Petra Noll:

Von der Sammlerin Andra Spallart wurde ich eingeladen,die letzte Ausstellung im FOTO-RAUM zu kuratieren. Die Ausstellung _How long is now?_ mit zeitgenössischen Foto- und Videoarbeiten setzt sich aus Arbeiten aus der Sammlung sowie von neu eingeladenen KünstlerInnen zusammen. Der Titel inkludiert die Schwierigkeit, das Phänomen Zeit bzw. Dauer zu begreifen und darzustellen: Wir glauben zwar zu wissen, was Zeit ist, aber wenn wir versuchen, sie objektiv zu bestimmen und ins rechte Verhältnis zu unserem subjektiven Zeitempfinden zu setzen, wird es schwierig – und das, obwohl Zeit, neben Raum, eine grundlegende Kategorie unserer Wahrnehmung und Realitätseinschätzung ist. Ich möchte zwei Hauptunterscheidungen von Zeit hervorheben: die Dingzeit – hier ist Zeit erfahrbar an der Entwicklung und Veränderung bzw. Bewegung von Dingen und Ereignissen. Und zweitens die Erlebniszeit, das subjektive Zeit-Erleben des Individuums, das Zeitgefühl. So gibt es hier zum einen Arbeiten, die es sich zum Thema gemacht haben, Zeitabläufe bzw. das Verstreichen von Zeit zu visualisieren, und andere, bei denen die Darstellung der Intensität von Gefühl und Stimmung im gegenwärtigen Augenblick der hauptsächliche Aspekt ist. Im ersten Fall, der Visualisierung von Zeitabläufen, handelt es sich um Arbeiten, in denen diese Thematik von Brüchen und Hinterfragungen begleitet ist. So werden meist illusio-nistische Raum-Zeit-Konstellationen und Konstrukte geschaffen, durch die sich Zeit als etwas Relatives zeigt. Das Prozessuale von Zeit darzustellen, ist eine besondere Heraus-forderung vor allem in der Fotografie, die per se immer nur einen Schnitt durch eine Bewegung, ein Ausschnitt aus der Zeit ist. Die Meereslandschafts-Fotos von Michael Aschauer, eine Langzeitaufnahme über sieben Tage, suggerieren realistischen Zeitverlauf und sind tatsächlich digitale Montagen von Teilinformationen unzähliger Einzelbilder. Auch Michael Michlmayrs Fotografien sind eine Verdichung von Raum und Zeit. Bei den scheinbar realen urbanen Szenarien handelt es sich um Montagen aus zeitversetzt aufgenommenen Fotos von je einer Situation zu einem Tableau. Stefanie Hilgarths mit Tipp-Ex bearbeitete Fotos von Reflexionen, ausgeführt an jedem Stopp  bei verschiedenen Zugfahrten, verstehen sich als Konstrukte mit verwirrenden Raum-Zeit-Ebenen. Michael Wesely visualisiert mit extremen Langzeitbelichtungen alltägliche Situationen – gerne auch zeitorientierte Orte wie Bahnhöfe oder Sonnenauf- und untergänge – im Prozess ihrer Veränderungen. Martin Klimas’ Fotografien zeigen scheinbar einen Zeitverlauf von der Unversehrtheit eines Objekts bis hin zur Zerstörung; tatsächlich ist aber der kleine Moment vor der kompletten Zerstörung zu sehen. Werner Schrödls auf der Basis von realen Fotos entstandenen Mini-Modellwelten zeigen „dauerhafte“ Situationen, wie sie sich über längere Zeit immer wieder ähnlich abspielen oder abspielen könnten. In der Mixed-media-Fotoarbeit von Martin Walde geht es um einen transformatorischen Zustand, die Kippe von Bewegung zu Stillstand, von Erscheinen zu Verschwinden. In eine alltägliche Begebenheit hat er eine rätselhaft-poetische Parallelwelt integriert. Die Zeit steht still, festgefügte Wahrnehmungen von Ordnung, Realität, Zeit und Raum sind erheblich irritiert. Jeff Nixons Foto ist eine Nachfotografie des gleichen Motivs von Anselm Adams. Nur alle 19 Jahre steht der Mond in Yosemite Valley an dieser Stelle, ein Beweis, dass sich auf der Basis von gleichen Verläufen von Zeit Zustände wiederholen. Stephan Reusse visualisiert mit  Wärmebild-Kameras für das menschliche Auge unsichtbare Wärmeabstrahlungen von Körpern und – hier – von Objekten. Je schneller die Aufnahme geschieht, desto deutlicher sichtbar wird die Aura, das Flüchtige, Unsichtbare wird festgehalten, und zusätzlich entstehen malerisch-poetische Bilder. Liddy Scheffknecht erweitert das Fotografische ins Filmische. Über das Bild eines Fotografien wandern sich im Umriss verändernde Schatten und suggerieren Bewegung und damit verstreichende Zeit. Tatsächlich handelt es sich um eine für diese Fotografie gemachte Animation von Schatten, die autonom sind, also nicht in logischem Zusammenhang zum Bild des Fotografen stehen. Auch das Medium Video, das für lineare zeitliche Abläufe durch Bewegung steht, wird hier in seiner Struktur gebrochen, es entstehen auch hier Raum-Zeit-Konstrukte zwischen Realität und Fiktion. Stéphane Couturier hat zwei dokumentarische Videos von einem Verkehrsknotenpunkt in der Stadt Brasilia übereinander montiert. Durch den Loop gibt es kein Anfang und kein Ende, wir werden vorangetrieben, ohne Fluchtmöglichkeit, die Zeit ist endlos gedehnt. Zeit wird erleb- und fühlbar in der gleichförmigen, meditativen Handlung. In Jutta Strohmaiers Video „Geteilte Zeit“ hat sie eine Kreuzung mit einer computergesteuerten Kamera 2 Tage lang fotografiert und die Fotografien digital aneinandergefügt, dadurch fließen die Fotos zu einem dauerhaften Prozess zusammen und machen Bilder aus unterschiedlichen Zeitabschnitten gleichzeitig sichtbar. Flora Watzal analysiert die Grundstrukturen des Mediums Video und arbeitet dabei – ausgelöst durch einen laut klickenden Lichtschalter – mit Hell-/Dunkel-Zerlegungen eines Raums, der dadurch immer nur in Abschnitten lesbar ist. Es entsteht der Charakter einer Bildstörung; die Ordnung von Raum und Zeit wird durcheinander gebracht. LICHTINSTALLATION: Brigitte Kowanz visualisiert für den Menschen nicht wahrnehmbare Zeit, Lichtgeschwindigkeit. Die 0-Komma-Zahl ihrer 4 m langen Neonlichtinstallation ist die Zeit in Sekunden, die das Licht braucht, um vier Meter zurückzulegen. Lichtgeschwindigkeit als fest definierte und dennoch unfassbare Größe wird hier mit Augenzwinkern scheinbar greifbar gemacht. Einige der hier präsentieten Arbeiten beschäftigen sich ausdrücklich mit vom Menschen eingesetzten Zeitsystemen und deren Apparaturen, die gleichzeitig Ordnung und Orientierung schaffen, aber den Menschen auch gefangennehmen: Dazu gehören Brigitte Kowanz’ Zweiwegspiegel-Kubus „Rund um die Uhr“, in dem sich die Zeit – die 12 Buchstaben des Titels symbolisieren die 12 Zahlen einer Uhr – verwirrend oft multipliziert und Anna Jermolaewas dreitlg. Fotoarbeit „Good Times, bad Times“: Hier wird unser künstlich eingerichtetes Zeitsystem mit seinem Symbol, der Uhr, in eine poetische und gleichsam humorvolle Betrachtung transferiert, in der es plötzlich um das Wohlbefinden von Tauben geht. Edgar Leciejewski (Leipzig) präsentiert eine Aneignungsarbeit: Er zitiert Muybridges 12 tlg. „Plate Number 365“ eines radschlagenden Mannes, versteht dies aber nicht als wissenschaftliche Studie von Bewegungsabläufen, sondern als poetische Metapher, eine fortlaufende Bewegung durch das in 12 Monate und 365 Tage eingeteilte Jahr. Zeitgefühl, die von jedem Individuum auf unterschiedliche Weise mental erlebte Zeit wird in manchen Arbeiten zu einer besonders intensiven Auseinandersetzung mit existentiellen Fragen, z.B. Jutta Strohmaiers poetisch-kontemplatives Video „At Times“ oder auch Boris Beckers oder Hiroshi Sugimotos Landschaften – Orte der Stille, der Raum- und Zeitlosigkeit, Orte, die Verunsicherung, Gedanken an die Endlichkeit der Existenz, aber auch Aufgehobensein in der Unendlichkeit von Raum und Zeit bewirken können.

 

 

 

 
 
Ausstellungsansichten
© Christoph Fuchs
 
 
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