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ALEXANDRA BAUMGARTNER – DISORDER

Foto- und Objektinstallation

Gefördert vom Bundesministerium Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport (bmwkms)

Eröffnung: Mittwoch, 8. April 2026, 19.00 Uhr

Mehrkanal-Rauminstallation: Geo Reisinger

Einführende Worte: Petra Noll-Hammerstiel, Kuratorin

Artist Talk mit Alexandra Baumgartner und Geo Reisinger: Mittwoch, 29. April, 19.00 Uhr

Dauer/Öffnung: 9. April–8. Mai 2026 / Do–Sa, 16.00–19.00 Uhr u. n. V.

Rede zur Vernissage, Petra Noll-Hammerstiel:

Alexandra Baumgartner wurde in Salzburg geboren und lebt und arbeitet in Wien. Sie hat an der Universität für angewandte Kunst Wien und an der Universität Mozarteum in Salzburg Malerei sowie im Foto-Kolleg an der Grafischen in Wien studiert.

Ihre Arbeitsweise basiert auf dem Prinzip des Collagierens. Sie verwendet als Ausgangsmaterial analoges Bildmaterial, bestehend aus gefundenen, meist anonymen, oft historischen Fotografien. Bei der Auswahl arbeitet sie meist intuitiv: Oft wählt sie eine scheinbar banale Nebendarstellung, einen selt-samen Blick, eine Körperhaltung, eine subtile Geste aus. Das Bildmaterial wird digital vergrößert und essentielle Informationen entfernt. Sie modifiziert und verfremdet durch Vernähungen, Knickungen, Übermalungen, Brennvorgänge oder durch eine Übertragung in Objekte. Mehrere Zeitebenen werden so miteinander verknüpft. Die ursprüngliche Bedeutung und der Kontext treten in den Hintergrund. Das Medium der Fotografie wird als Konstrukt sichtbar. Durch das Zusammentreffen von zwei oder mehr artfremden Vorlagen entstehen oft surreale Bilder, aber nicht wie bei Max Ernst als narrative Sequenzen, sondern eher als Statement zur psychischen Verfassung von Menschen.

Für die Ausstellung wurde ein Raum geschaffen, der unterschiedliche Perspektiven eröffnet. Fotogra-fische Collagen und Mischtechniken interagieren mit installativen Objekten und Sound. Durch diese räumlichen Arrangements entstehen neue Kontexte und Bedeutungen. Alexandra Baumgartner arbeitet mit einem erweiterten Bildraum, mit der Veränderung von Größenverhältnissen, mit Sichtachsen, Verschiebungen, Leerstellen, Brüchen und Randzonen. Sie öffnet ebenso freie Blicke wie sie auch Zeichen durch Einrahmung setzt.

Zu der Installation hat der in Weinheim (DE) geborene und in Wien lebende Geo Reisinger – studierter Architekt und Landschaftsplaner sowie Vortragender zum Thema Raumklang – eine mehrkanalige Raumklanginstallation konzipiert. Diese erzeugt einen dreidimensionalen Sound. Klänge bewegen sich durch diesen Raum und verändern sich stetig in Charakter, Zusammensetzung, Dichte und Geschwindigkeit. Laborartig entstehen neue Klangcluster und werden freigesetzt. Ein endloser Film, allein durch Klang.

Der Titel der Ausstellung von Alexandra Baumgartner, Disorder, Störung (der Ordnung) bezieht sich auch auf Störungen im psychischen oder physischen Bereich. Alexandra Baumgartner interessiert die menschliche Psyche und deren Abgründe – Kontrolle und deren Verlust, zwischenmenschliche Be-ziehungen, gesellschaftliche Normen, Zwänge und Ängste. Durch gezielt gesetzte kleine Veränder-ungen geraten stabile Ordnungen ins Wanken und kippen ins Surreale, Absurde, Verstörende und Beklemmende. Menschen sind dabei nur fragmentarisch sichtbar.

Die Künstlerin zeigt drei Arbeiten mit dem Titel DISORDER, wovon zwei aus diesem Jahr sind. Zu sehen sind zwei Trockenpflanzenfotos und ein wie eine Pflanze aussehendes Korallenfoto (hinten). Diese wurden stark vergrößert, freigestellt und umgedreht. Die Verspannungen mit Nähgarn sorgen hier für Unordnung. Die dargestellten Pflanzen wirken wie tentakelartige, geisterhafte Wesen. Die Fäden sind nicht fixiert und bei jeder Bewegung des Bildes bewegen sie sich mit, verwirren, verschlingen sich und ergeben neue Fadenformationen. 

In BLACK CIRCLE (2021), einem Diptychon wurde das Jungenporträt von einer analog übermalten Kreisfläche völlig unkenntlich gemacht. Im linken Bild sehen wir weiße Kreise auf schwarzem Grund – die Darstellung einer Fotorückseite, deren weiße Klebepunkte das Bild hielten. Die Darstellung wurde auf Pigmentprint vergrößert.

Überhaupt arbeitet Alexandra Baumgartner gerne in Bildpaaren, wozu sie Bilder aus unterschiedlichen Kontexten kombiniert. Hier schafft sie Parallelen, aber auch Gegensätze wie Ordnung – Chaos / Stille – Lärm / Innen – Außen / introvertiert – extrovertiert / schwarz – weiß und voneinander abhängige Zustände, die in Beziehung zueinander treten.

In dem Diptychon THEIR GHOSTS (2025) werden einem Menschen Naturformen gegenübergestellt. Hier geht es, wie der Titel schon ausdrückt, um die (unsichtbaren) Geister innerer Zustände wie Ängste und Zwänge. Die Bilder weisen Parallelen in Form und Geste auf. Links ist eine Pflanze zu sehen, deren Fotografie vergrößert und der Hintergrund mit schwarzer Ölfarbe geschwärzt wurde. Die Pflanze neigt sich ähnlich, wie die Hände einer sitzenden Dame im Kleid, von der man nur den Unterkörper sieht, auf dem rechten Bild. Der Faltenwurf des Kleides am Knie wurde im Detail vergrößert und um 45 Grat geneigt. Was bleibt, ist eine unkenntliche Geste, die wie ein verschleiertes Gesicht wirkt; die Hülle als Platzhalter des Menschen.

Das Diptychon UNTRAVEL (2026) besteht auch aus zwei unzusammenhängenden Fotografien, die in Kontext zueinander gestellt wurden. Links das Foto fliegende Zugvögel in starker rasterhafter Vergrößerung und rechts eine übermalte Postkarte von einem Alpenveilchen-Blumenbukett. Sie zeigen den Kontrast von Freiheit und häuslichem Biedermeier. Durch die starke Vergrößerung des Alpenveilchen-Pigmentdruckes und die danach erfolgte analoge Schwärzung mittels Ölfarbe wirken die freigestellten Blumen selbst wie schwebende Objekte. 

In INTRO (2024) ganz vorne, dem Motiv der Einladungskarte, wird einem anonymen Portrait eines Jun-gen durch Überlagerung einer weiteren Fotografie – einer pornografischen Darstellung – eine zweite Realität hinzugefügt. Gemeinsam formen sie eine dritte neue Realität. Durch die Überlagerung der digitalen Collage werden reale Körper zu scherenschnittartig abstrakten Körperformen.

Objekte:

Diese Form korrespondiert mit dem Objekt PARAVENT (2019) aus schwarz lackiertem Holz. Dieser Paravent ist kein Raumteiler wie im Alltag, sondern Versatzstück aus negativen Teilen, die für andere Skulpturen Verwendung gefunden haben. Die Negativformen von einer ausgefrästen Installation werden nun selbst zum skulpturalen Objekt. Nebendarstellungen werden zu Protagonisten. Die positiven Fehlstellen sind nochmals mit schwarzem Plexiglas am Boden gespiegelt, wie ein Puzzle. Ihre Objekte entwickelt Alexandra Baumgartner auch aus Pigmentdrucken.

Die Bodenarbeit SEPARATION (2019) ist die realproportionierte Fundfotografie eines jungen Mannes, die in der Mitte geknickt wurde. Dadurch wirkt er halbstehend und halbsitzend. Eine surreale Trennung zwischen Realität und Modifikation, die die Grenze zwischen Wirklichkeiten auslotet. An der ursprünglichen Fotografie faszinierte Alexandra Baumgartner die Körperhaltung, der zu große Anzug des Jungen und die dadurch steife Körperhaltung. Dieses Gefühl, das von dem in starren Konventionen und äußerlichen gesellschaftlichen Zwängen in einen Anzug gesteckten Jungen ausgeht, wollte sie mit diesem installativen Eckrahmen verstärken und zum Ausdruck bringen.

Etwas Skulpturales hat auch der einzig farbige Print der Ausstellung, KOSMOS (2022) aus der gleichnamigen Serie. Auf dem Print sehen wir Eisblasen auf einem See. Das Bild wurde vergrößert und der Hin-tergrund und sämtliche Hintergrundinformationen mit Ölfarbe schwarz übermalt. Dadurch wirken die freigestellten schwebenden Gebilde wie Skulpturen – abstrakte Gebilde in einem schwarzen Raum wie eine Bildstörung.

Video:

Das Video NOISE (2026) basiert auf der Profil-Nahaufnahme eines gefundenen S/W-Portraits, das bereits in Rasterpunkte aufgelöst ausgedruckt wurde. Der Blick dieser Person ist auf etwas gerichtet, was man jedoch nicht sieht. Durch die Augen zieht sich ein Faden in das Loch der Pupille, der in einem Loop in ihren Blick dringt. Das Visuelle in Verbindung mit dem Geräusch des raschelnden Fadens hat etwas Verstörendes. Dass der Faden scheinbar in das sensible Auge geführt wird, fühlt sich erstmal unangenehm an, hat aber auch etwas sehr Poetisches.

Bildunterschriften:

li. Spalte:

01: Intro, 2024, Fine-Art-Pigmentprint, 50 x 42 cm

02: Disorder, 2025, Nähgarn auf Fine-Art-Pigmentprint, 100 x 70 cm

03: Disorder II, 2025, Nähgarn auf Fine-Art-Pigmentprint, 100 x 70 cm

04: Disorder III, 2025, Nähgarn auf Fine-Art-Pigmentprint, 100 x 70 cm

05: Ausstellungsansicht, li.: Their Ghosts, 2025, Ölfarbe auf Fine-Art-Pigmentprint, je 65 x 50 cm, 2-teilig / re.: Kosmos, 2022, Ölfarbe auf Fine-Art-Pigmentprint, 80 x 60 cm                                                 

06: Ausstellungsansicht, li.: Disorder, 2025, Nähgarn auf Fine-Art-Pigmentprint, 100 x 70 cm / Mitte: Black Circle, 2021, Ölfarbe auf Fine-Art-Pigmentprint, je 54 x 40 cm, 2-teilig / re.: Untravel, 2026, Ölfarbe auf Fine-Art-Pigmentprint, 2 Teile, je 60 x 80 cm

re. Spalte:

01: Ausstellungsansicht: Noise, 2026, Video, 00:07 Min., Loop

02: Ausstellungsansicht 

03–05: Ausstellungsansicht: Paravent,2 019, Holz, Lack, Plexiglas-Bodenteile, 154 x 76 cm, 3-teilig     

06: Ausstellungsansicht: Disorder, 2025, Nähgarn auf Fine-Art-Pigmentprint, 100 x 70 cm                                   

07: Ausstellungsansicht, Separation, 2019, Pigmentprint, Holzkonstruktion, 106 x 107,5 x 106 cm 

alle Fotos: © Alexandra Baumgartner & Bildrecht Wien

Kontakt:

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