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ALFREDO BARSUGLIA – ENGAGEMENT

INSTALLATION

VERTONUNG VON WAGNER FELIPE DOS SANTOS

Eröffnung: Mittwoch, 12. März 2025, 19.00 Uhr

Einführende Worte: Petra Noll-Hammerstiel, Kuratorin

Artist Talk und Diskussion – Der Mensch als Parasit: Freitag, 4. April, 19.00 Uhr

Ort: Korridor – Raum für aktuelle Kunst, Hertha-Firnberg-Str. 10 /Stiege 4 / Top 1 (1. St.), 1100 Wien

Dauer/Öffnungszeiten: 13.3.–12.4.2025, Do–Sa, 16–19 Uhr u. n. V.

Eröffnungsrede, Petra Noll-Hammerstiel, 12.3.2025:

Alfredo Barsuglia, 1980 geboren in Graz und in Wien lebend, arbeitet in den Medien Installation, Fotografie, Video, Malerei und Objekt, die er immer auch einfallsreich vermischt. In dieser Ausstellung wird ein Fokus auf Fotografie und Video gesetzt. –

Im öffentlichen Raum oder in Kunsträumen setzt Alfredo Barsuglia seine Kunst ortsbezogen um. Er konzipiert verschiedenste Arten von Räumen, temporäre Häuser, Wohneinheiten, Situationen im Innen und Außen, die existentielle Fragestellungen aufwerfen. In seinen oft auch Interaktion stimulierenden Installationen kombiniert er häufig Arte Povera- und Naturmaterialien mit Videos und Fotografien – Organisches und Künstliches. Dies ergibt skurrile, irritierende, beklemmende, aber auch poetische Situationen zwischen Fiktion und Realität, in denen immer die Trauer über die vernachlässigte Natur und die Auswüchse einer von Konsum, Luxus und Entertainmentkultur geprägten kapitalistischen Gesellschaft mitschwingt – wie etwa bei seiner mit großer Aufmerksamkeit bedachten Intervention „Social Pool“, einem Swimmingpool in der Wüste. Aus realen Versatzstücken schafft er seine ganz eigene Realität mit eigenen Regeln und Kommunikationsstimulanz.

Die multimediale Installation hat Alfredo Barsuglia neu für den Korridor entwickelt. Aufgebaut ist, ähnlich einem Theater- oder Filmset, eine bühnenbildhafte Szenerie. Zwei (Video-) Figuren, von denen man nur jeweils die Hände und einmal den Kopf sieht, sitzen vor einer Pfanne mit projizieren Spiegeleiern, die authentisch brutzeln. Man assoziiert vielleicht spontan: Aussteigerleben, alternativer Lebensentwurf, einfaches Leben. Vielleicht auch ein Ausflug. Ausgehend von einer alltäglichen, realen Situation, dem (gemeinsamen) Essen, ist eine neue Situation zwischen Realität und Fiktion entstanden. Erzählt wird eine Geschichte, die aber nicht eindeutig ist bzw. viele Geschichten öffnet. Der Titel der Installation ist Engagement – dies versteht sich erst einmal nur als Statement. Wie viele von Barsuglias Wortspielen in Bildern und Werk-titeln ist auch Engagement in erster Linie ein Stimulativ. Für die meisten Betrachter:innen erfüllen  die Figuren, die mit ihren Händen uneindeutig hantieren, nicht das proaktive Handeln, das in dem Wort Engagement steckt. Die Situation hat etwas Ungewisses, Unheimliches, vielleicht Dystopisches. Haben sie sich zurückgezogen aus der Gesellschaft? Sind sie gescheitert? Sind sie handlungsunwillig? ODER ist das Gegenteil der Fall: Reflektieren sie über die Welt? Stehen sie bald auf, um diese zu retten? Übernehmen sie Verantwortung, indem sie das reparieren, was sie zerstört haben? Sind sie gar unschuldig? Eine Situation zwischen Rückzug/Scheitern und Aufbruch, Leben und Tod. Barsuglia gibt keine einzig gültige Wahrheit vor, mehrere Sicht- und Zugehensweisen sind möglich je nach dem individuellen Zugang und den Erfahrungen der Betrachter:innen. Sie vervollständigen die Raumsituation durch ihre Gedanken, überprüfen ihre persönlichen Denkmuster. In welcher Wirklichkeit leben wir? Ist alles nur Projektion? Was sind meine Prioritäten? Welche sozialen Werte sind mir wichtig? Im besten Fall entwickelt sich ein Dialog.

Dass es um die Welt düster aussieht unterstreichen der dunkel gehaltene Ausstellungsraum sowie die Fotografien und Videos, die die Installation begleiten. Die großformatige Fotografie Aftermath zeigt eine tote, schon halb verweste, vertrocknete Kröte, nur noch mit Augenhöhlen, die vielleicht die von den Menschen malträtierte Natur symbolisiert. Oder das Video Lazarus – eine in Schönheit sterbende Libelle. Der ganz neu entstandene Leuchtkasten Das Fenster zeigt die Natur des Grazer Stadtparks nicht in einer vegetationsüppigen Jahreszeit, sondern im Winter, in einem Winter, in dem es noch Schnee gab – auf Grund des menschengemachten Klimawandels vielleicht zum letzten Mal. Das Diptychon Topografie ist die Darstellung einer Felslandschaft zwischen Realität und Fiktion, ist doch im zweiten Bild das Motiv umgedreht. Die Landschaft wirkt, wenn auch aus dem Heute stammend, urzeitlich, scheinbar noch unberührt von Menschen. Hoffnung gibt die Pflanze in der Fotografie Résistance (2019). Sie bahnt sich widerständig ihren Weg an einem eigentlich unmöglichen Ort, in einem Waschbecken. Auch Into the woods (2020) ist eine Fotografie, in der der Blick aus dem Dunkel einer Höhle hinaus in einen hellen Frühlingswald führt. Das Video Martha, in dem eine Assel ein undefinierbares, eingesponnenes Insekt unaufhörlich dreht, thematisiert auf heitere Weise die Sisyphushaftigkeit des Seins.

Die Installation von Alfredo Barsuglia wurde von dem Musiker und Komponisten Wagner Felipe dos Santos vertont. Der Sound unterstreicht, wie die Musik bei einem Film, die Szene-rie. Ein Klangerlebnis, das sich ständig wiederholt, als wäre es in einer ausweglosen Endlos-schleife gefangen – ähnlich wie die Assel in Martha – deprimierend und dennoch nicht aufhören könnend. Wagner Felipe Dos Santos ist, wie auch Alfredo Barsuglia, ein interdisziplinär arbeitender Künstler. Er pendelt zwischen den Bereichen bildende Kunst, Musik, Performance und Literatur. Seine Arbeiten spiegeln verschiedene Ansätze zur Verschmelzung von Technologie und menschlicher Erfahrung wider und werfen die Frage auf, wie technologische Systeme das menschliche Verhalten und die menschlichen Interaktionen beeinflussen und täuschen.  

Bildunterschriften:

links:

Into the woods, 2020, C-Print auf Dibond, 100 x 150 cm

Ausstellungsansicht, Engagement, 2025, multimediale Videoskulptur           

Ausstellungsansicht            

Ausstellungsansicht, Martha, 2019, Einkanal-Videoprojektion, Farbe, Ton, 7:00 Min., 1+1 AP

Ausstellungsansicht, Das Fenster, 2024, Holzfenster mit Leuchtkasten, 140 x 107 x 34 cm 

rechts:

Aftermath, 2019, C-Print auf Dibond, 100 x 150 cm

Resistance, 2016, C-Print auf Alu-Verbundplatte, 150 x 100 cm, Auflage: 3 + 1 AP

Ausstellungsansicht, Lazarus, 2016, Einkanal-Videoprojektion, Farbe, ohne Ton, 4:51 Min., 1+1 AP  

Ausstellungsansicht, Topografie, 2019, C-Prints, Diptychon, je 43,5 x 31 cm

Ausstellungsansicht