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ANNJA KRAUTGASSER – LOOKING FOR GOODIES

Ausstellung mit Vertonungen von Ursula Winterauer

Eröffnung mit Performance Kartografie des Zwischenraums: 

Mittwoch, 1. Oktober 2025, 19.00 Uhr

Performance: Konzept und Regie: Annja Krautgasser  / Vertonung: Ursula Winterauer (GISCHT), Komponistin, Musikproduzentin / Körperfigurationen: Nina Fog, Schauspielerin / Kamera: Martin Putz, Bildgestalter für Film, Katharina Simunic, Filmemacherin

Einführende Worte: Petra Noll-Hammerstiel, Kuratorin

VERANSTALTUNGEN :

ARTIST TALK: Mittwoch, 22. Oktober 2025, 19.00 Uhr: Annja Krautgasser und Georgia Holz, Kuratorin und Kunsthistorikerin, Universität für angewandte Kunst Wien

KONZERT: Mittwoch, 05. November, 19.00 Uhr:

Studierende der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) – Komposition und Saxofon – beziehen sich mit Uraufführungen auf die Werke von Annja Krautgasser. Betreuende Lehrende: Alvaro Collao Leon (Saxophonlehrender) und Julia Purgina (Kompositionsprofessorin)

Kompositionen von: Mia Lehki – searching for goodies reloaded (für zwei Alt-Saxofone) / Sonia Lozina: shid sontia (für zwei Alt-Saxofone) / Andrej Harman: Der Wolf (für Tenorsaxofon solo) und Yeison Buitrago Vargas – Begegnungen mit dem Krieg (für Saxofonquartett)

Es spielen: Silvia Macejova (Alt- und Sopran-Saxofon), Maria Martolell (Alt-Saxofon), Miguel Bargiela (Alt- und Tenor-Saxofon), Borja Alejo (Alt- und Bariton-Saxofon)

Beteiligte Institute der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw): 

Institut für Kompositionsstudien und Ton- und Musikproduktion + Joseph-Haydn-Institut für Kammermusik und Neue Musik

Ort: Korridor – Raum für aktuelle Kunst / Hertha-Firnberg-Straße 10/Stiege 4, Top 1 (1. Stock), 1100 Wien

Ausstellungsdauer/Öffnungszeiten: 2.10.– 05.11.2025, Do–Sa, 16–19.00 Uhr und nach Vereinbarung

Rede zur Vernissage am 1.10. (PNH)

Looking for Goodies ist ein von Annja Krautgasser für den Korridor konzipiertes, recherchebasiertes und referenzreiches Projekt, bestehend aus Fotos, Fotocollagen, Videos, einer Performance (aufgeführt bei der Vernissage am 1.10.) und Sound. Die Verbindung von fotografischen und filmischen mit performativen Arbeiten sind fester Bestandteil ihrer künstlerischen Auseinandersetzung. In den von ihr inszenierten Situationen geht es um Raum, Körper und Bewegung, es geht um den/die Einzelne, das Koll-ektiv, um das Erkunden von Ängsten und Konflikten, das Analysieren von Konventionen, Fremdbestimmungen, Abhängigkeiten und Erwartungshaltungen – und um Widerstand.

Kriegsszenen (Videoinstall. auf 5 Monitoren, HD-Video, 23 Min., Farbe, Stereo, engl. UT

Ausgangspunkt der Ausstellung und der multimedialen Performance zur Vernissage sind Annja Krautgassers Video Kriegsszenen sowie die Collage-Serie Begegnungen mit dem Krieg. Das 23-minütige Video, Teil eines 6-teiligen Szenen-Zyklus‘ von 2015–2024, ist erstmals im KORRIDOR in sich jeweils wiederholenden Sequenzen auf fünf Monitore aufgeteilt, um die visuelle und akustische Wirkung zu intensivieren. Der Film zeigt Mitglieder von militärhistorischen Klubs, die in der Nähe der slowakischen Stadt Senica eine Schlacht der Roten Armee gegen die Wehrmacht von 1944 (Operation Bagration) in der die Deutschen zurückgedrängt wurden, möglichst originalgetreu zu rekonstruieren versuchen. Der Aufwand ist immens in Bezug auf Militärtechnik, Sandaufschüttungen, Ausstattung und Accessoires. Diese Aufführung, die wie eine Art Volksfest jährlich gefeiert wird, gibt Annja Krautgasser nicht rein dokumentarisch wieder, sondern fügt performative Elemente ein, wobei sie u.a. als Leiche im Schützen-graben, als Gefallene, als Zuschauerin oder auf einem Panzer stehend auftaucht. Desweiteren verwendet sie filmische Mittel, die eigene Strukturen einbringen und das Artifizielle der Aktion sichtbar machen: teils abrupte Schnitte, der Wechsel von Distanz und Nähe, Ausschließen und Zeigen, poetisch-friedliche Natur- versus brutale Schlachtenbilder, lange Einstellungen, ein kurzer Blick auf die klatschenden Zuschauer:innen. Eine Landschaft wird zur Projektionsfläche gesellschaftlicher Ordnungen und Machtverhältnisse. Der Film verweist darauf, dass es den Akteuren weniger um Erinnerung als um Reproduktion von Gewalt mit ästhetischen Mitteln geht. Er zeigt, dass das, was authentisch wirken soll, tatsächlich auf gesteuerten Medien- und Propagandabildern beruht, die sich über lange Zeit in unsere Vorstellung von Krieg eingeschrieben haben. Der Film ist 2018 entstanden, als militärische Gewalt bzw. Krieg für uns noch vorwiegend als weit weg oder als historisches Phänomen rezipiert wurde. Nun ist Krieg viel stärker realer Teil unserer Gegenwart geworden, er ist näher gerückt. Er hat die Weltlage verändert, die Einzelnen und das Verhältnis zu anderen.

 Performance Kartografie des Zwischenraums (Eröffnung am 1.10.)

Ausgestellt sind die Requisiten: Holzgewehr, Rollboxen, Schallplatte, Schmetterling, Kostüme, Sand-säcke, Banner, Brief, Plane, 300 x 200 cm

Die Performance beschreibt diesen Wandel in der Auseinandersetzung mit Krieg. Hier sind Annja Kraut-gasser für Regie und Konzept, Ursula Winterauer (Komponistin und Musikproduzentin) für die Vertonung, Nina Fog (Schauspielerin) mit Annja für die Performance sowie Katharina Simunic (Filmemacherin) und Martin Putz (Bildgestalter für Film), für die Kamera zuständig. Die auf der Basis des Films entwickelte Performance macht Mechanismen, Ästhetiken und Symbole von Krieg sichtbar. Wie wird Krieg heute erinnert, dargestellt, (re-)inszeniert – und mit welchen Mitteln wird diese Darstellung gerechtfertigt oder konsumiert? Die Performance versteht sich als kritische Ver-suchsanordung, als eine Erweiterung/Verschiebung des Filmischen zu einer körperlich-räumlichen Umsetzung. Die Körper werden zum fragilen Träger von Befehl, Gehorsam, Verweigerung und Angst – wie im Krieg. Die Performance fragt, was Krieg in uns bewirkt. Welche Bilder prägen unser Verständnis von Krieg, welche Gesten und Bewegungen sind zu Konventionen geworden? Und vor allem: Welche Haltung nehmen wir ein? Wie entscheiden wir? Was können/wollen wir ertragen? Können wir Hilfe verweigern, ohne uns schuldig zu machen? Was tun wir, wenn der Krieg näherkommt? Ausgehend von film- und kunsthistorischen Referenzen werden in neun Kapiteln nach Annja Krautgassers Regieanweisungen ikonische Szenen aus historischen (Anti-)Kriegsfilmen (die Liste der Filmreferenzen hängt aus) durch die Darstellerin Nina Fog in verschiedenen Rollen live übersetzt. Ihre Formationen sind skulptural, abstrahiert, sie schaut, verharrt, bewegt sich – ein Körper zwischen Repräsentation und Widerstand. Eine weibliche und eine männliche Stimme kommen abwechselnd aus dem Off, auch Nina Fog spricht. Die klangliche Ebene der Performance wird von Ursula Winterauer eingespielt. Es beginnt und endet mit einer Sequenz von zwei Minuten. Ihre elektroakustischen Kompositionen arbeiten mit fragmentierten Soundzitaten aus Kriegsfilmen, Verzerrungen von Radiodurchsagen, Rückkoppelungen, Störungen, aber auch mit Leerstellen, Atempausen, akustischen Brüchen. Der Sound strukturiert die Performance zeitlich, akzentuiert Verschiebungen, destabilisiert den Sehprozess. Die Kameras, bedient durch Katharina Simunic und Martin Putz, sind Teil der Performance. Sie dokumentieren nicht nur, sie sind aktive Machtinstrumente, sie selektieren, fokussieren (Katharina Simunic), gehen auf Distanz (Martin Putz), setzen auf Hierarchien. Die Performance wird live durch eine Projektion übertragen, um zusätzlich Details zu fokussieren.

Looking for Goodies (2022, Digitalfotografie, 40 x 50 cm) In der Ausstellung gibt es verschiedene, aus dem Film Kriegsszenen entwickelte Arbeiten, wie das Foto Looking for Goodies– das freigestellte und damit völlig verfremdete letzte Bild des Films, auf dem die Beteiligten der Aktion die Patronenhülsen aufsammeln – eine überaus traurige Situation, in der die Personen durch die Bearbeitung noch einmal verlorener wirken.

Begegnungen mit dem Krieg (2023, 4 Fotocollagen, Digitalfotografien, je 15 x 18 cm) und eine Fotocollage (2021, 4 Plots, 400 x 250 cm), auf der Annja Krautgasser auf einem Panzer dargestellt ist. Auch hier handelt es sich um Szenen aus dem Film, die durch Collage, Verpixelung, Ausschnitt und Farbveränderung völlig verändert wurden und somit einen neuen konzentrierteren Blick ermöglichen.

Waldszenen (2015, MDF-Box, HD-Video, 30 Min., Farbe, Stereo, engl. UT, 35 x 45 x 10 cm, Kamera: Martin Putz). Das Video stammt ebenfalls aus ihrem Szenen-Zyklus. Einsam geht eine junge Frau, Alva, durch einen dunklen Wald, eine Suchende ohne Ziel. Angelehnt an wiederkehrende Textfragmente aus Agnès Hoffmanns Roman so viele Tage (Off) erzählt Krautgasser eine fragmentarische Geschichte, in der der Wald gleichzeitig Bühne wie auch Projektions- und Reflexionsfläche ist. Der Wald als Symbol des Geheimnisvollen, Mystischen, Naturbelassenen wie auch des Unheilvollen ist geeignet, menschlichen Befindlichkeiten einen Ort zu geben. Wie selbstverständlich wird die Protagonistin hier in ein absurdes Fernsehinterview verwickelt – u.a. in Referenz zu Jean-Luc Godards Film „Eins plus eins“ von 1968 –, das sich von politischen, gesellschaftlichen bis hin zu sehr persönlichen Fragestellungen entwickelt, auf die Alva nur mit Ja und Nein antwortet. Waldszenen ist literarischer Essay, (fiktionales) Frauenpor-trät, Landschaftsstudie und Naturdokumentation, und enthält Elemente von Drama, Horror und Mystery. Waldcollagen (2016, 4 Fotocollagen, je 14,8 x 21 cm). Dies Arbeiten greifen den Film Waldszenen auf und verfremden die Bilder gleichzeitig durch den Collageprozess.

Konfrontation (2016/2020, 4 Fotocollagen, je 14,8 x 21 cm). Diese Serie zeigt ebenfalls eine Gestalt im Wald; es ist wieder düster. Eine Kapuzenfigur, meist von hinten zu sehen, bleibt anonym. Sie wurde ausgeschnitten und wieder ins Bild montiert. Die Serie passt zur Stimmung der Waldcollagen. Auch hier Einsamkeit, Sehnsucht nach Erkennen des Selbst und gleichzeitig Angst davor. Auch hier liegt Bedrohliches in den Szenen, Konfrontatives durch weitere Figuren. Beobachten sie mich, schützen sie mich, sind sie gefährlich? Oder sind sie Multiplikationen meines Selbst? Konfrontieren sie mich mit mir selbst?

Die Ausstellung Looking for Goodies wirft nicht nur einen Blick zurück, sondern auch in eine Gegen-wart und mögliche Zukunft, in der sich die Gesellschaft in bedrohlicher Weise immer mehr nach rechts verschiebt und die Menschen von Angst vor Gewalt, Kontrolle, Manipulation, Unsicherheit und Ungewissheit geprägt sind. Looking for Goodies stellt sich gegen die passive Rezeption der Bilder sowie die unreflektierte Übernahme von Haltungen, ein Aufruf zur Suche nach einer ureigenen Wahrheit – Looking for Goodies.

 

Kurzbiografie Annja Krautgasser      

https://www.annjakrautgasser.net

* 1971 in Hall in Tirol, lebt und arbeitet in Wien. Studium der Architektur an der TU IBK/Wien. Studium der Visuellen Mediengestaltung an der Universität für angewandte Kunst Wien. 2006–2014 künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der bildenden Künste Wien (Neue Medien). 

Ausstellungen (Auswahl, zuletzt): 2024 The Resistance of Nothingness, Neue Galerie, Innsbruck / Ich und die Anderen, Bildraum 01, Wien / 2022 Kulissen, Stadtkino Künstlerhaus, Wien / 2020 Statement, Parallel Vienna / 2019 ACCENTISMS, Taxispalais Kunsthalle Tirol, Innsbruck.

Zahlreiche Beteiligungen an Ausstellungen und Festivals. Artist-in-Residencies in London, Los Angeles (MAK Schindler), Amsterdam, Krumau (BMUKK) und Vilnius (BMKOES).

Stipendien & Preise: 36. Österreichischer Grafikwettbewerb 2019; Hilde-Zach-Preis 2019; Paul-Flora- Preis 2017; Hildegard-Goldschmidt-Preis 2011; Staatsstipendium für bildende Kunst 2009.

 

 

Bildunterschriften: Annja Krautgasser

Spalte 1:

01  Looking for Goodies, aus: Kriegsszenen, 2022, Digitaldruck, 40 x 50 cm

02+03: Begegnungen mit dem Krieg, 2023, aus einer 9-tlg. Collageserie, je 15 x 18 cm

04 Ausstellungsansicht, Begegnungen mit dem Krieg, 2023, 9-tlg. Collageserie, je 15 x 18 cm. Foto: WEST.Fotostudio

05 Ausstellungsansicht, Kriegsszenen, 2020, HD-Video (aufgeteilt auf 5 Monitore), Farbe, Stereo, engl. UT, 23 Min., Foto: WEST.Fotostudio

06 Ausstellungsansicht; re.: Begegnungen mit dem Krieg  2021, Fotocollage, 4-tlg. Plot, Maße je 100 x 250 cm, gesamt 400 x 250, Unikat; vorne: Requisiten der Performance am 1.10. Foto: WEST.Fotostudio

Spalte 2:

07: Ausstellungsansicht, Foto: WEST.Fotostudio

08: Ausstellungsansicht, Foto: WEST.Fotostudio

09: Ausstellungsansicht, Foto: WEST.Fotostudio

08/09: Performance Kartografie des Zwischenraums am 1. Oktober

10: Waldszenen, 2015, HD-Video, 30 min., Farbe, Stereo, dt. mit engl. UT, Auflage: 3 + 1 AE

Copyright und Courtesy: Annja Krautgasser und Bildrecht Wien