PRÄSENTATION DER FORM IM KÜNSTLERGESPRÄCHMIT DR. CHRISTIAN HUFEN, KUNSTHISTORIKER, BERLIN
im Korridor_sidewalk
Adresse: Korridor – Raum für aktuelle Kunst, Hertha-Firnberg-Straße 10, 1100 Wien (Google maps: Korridor – Raum für aktuelle Kunst)
Mittwoch, 22. Jänner 2024, 19.00 Uhr
Der in Weimar (DE) geborene Kunsthistoriker Dr. Christian Hufen, der in Berlin lebt, ist ein langjähriger Kenner von Schwartz‘ Werk und wird ein Gespräch mit Künstler und Publikum führen.
Besichtung auch zwischen dem 23. und 25. Jänner 2025 nach Vereinbarung
Kuratorin: Petra Noll-Hammerstiel
Über Jeannot Schwartz:
Seit 1998 arbeitet der Schweizer Künstler Jeannot Schwartz, der in Wien und Innsbruck lebt und arbeitet, an Formen aus der Greiftätigkeit der Hand. Damit hat er ein Thema gefunden, das er seit vielen Jahren mit Leidenschaft und Neugier verfolgt. Es geht ihm aber weniger darum, Objekte zu modellieren, sondern darum, Abdrücke zu hinterlassen: „Das Greifen der Hand, das Hinterlassen von Abdrücken wie auch die Berührung durch die Hand sind zentrale Elemente seiner künstlerischen Methode, Welt zu beschreiben und ästhetische, das heißt immer auch politische Erfahrung zu ermöglichen und zu reflektieren.“ (Verena Konrad). Begleitend zu seinen Griffskulpturen entwickelt Jeannot Schwartz komplexe, philosophische, künstlerische, ästhetische sowie anthropologische Gedankengebäude, die er mit anderen Theoretiker:innen teilt und weiterführt. Seine aus der Hand/den Händen entwickelten Formen erscheinen dem Auge fremd, überraschen jedoch durch präzises Andocken an der Hand.
Im Zentrum der Präsentation im Korridor_sidewalk stand die Entwicklung der Form Geste »Nicht«, ausgehend von plastischen Greifhohlraumformen, die beim Ineinandergreifen beider Hände im Zwischenraum der Handinnenflächen entstehen. „Selbstwahrnehmung, Berührung, Selbstberührung, alles nährt die taktile Wahrnehmung. Als Bildarbeiter möchte ich die Prozesse, die Hände bewirken, in Erfahrung bringen. Die erste Greifhohlraum-Form, die ich entdeckt habe, ist der Versuch, beide Hände zu einer Einheit zu bringen. Während der Dauer dieser Einheit ist kein anderweitiges Tun möglich, daher nenne ich sie Geste »Nicht«. Dass bei diesem Versuch zwischen den Händen ein kleiner Raum übrigbleibt, kennen wir. Wird dieser Hohlraum gefüllt, erscheint er als Negativ. Dieses Negativ aber kann kaum jemand auf die Hand zurückführen. Konkret heißt das, dass unmittelbar an die Körpergrenze ein Raum angrenzt, der fremd ist, der auch nicht im Gedächtnis verankert ist, obwohl er noch zur Hand gehört. Da passiert also etwas direkt an meiner Hand, was ich nicht kenne.“ (Jeannot Schwartz in einem Interview mit Christian Hufen)
Als skulpturale Anordnung wurde ein großer Teil des riesigen Archivs dieser aus der Hand/den Händen entwickelten Formen gezeigt und die Besucher:innen zum Nachgreifen und Nachempfinden vergangener Handbewegungen animiert. Die Kleinskulpturen bestehen aus unterschiedlichen Materialien, hauptsächlich aus Ton, aber auch aus Glas, Aluminium, Bronze oder Modelliermasse. Es sind asymmetrische Formen, da meist eine Hand dominiert. Die entstandenen Formen hat Schwartz häufig auch geteilt, um, wie er sagt „kleinere Bewegungsmöglichkeiten im Nachgreifen in Erfahrung zu bringen. Formen aus dem Greifen sind topografische Texte, man liest sie im Nachgreifen.“ Es wurde in der Präsentation auch eine aktuelle, am Oloid orientierte Ausrichtung gezeigt. Der Oloid ist eine geometrische, kantenlose Sonderform aus der Inversion des Würfels, die der Ingenieur Paul Schatz entdeckte und 1929 patentieren ließ. „In dieser Form verbinden sich Außen und Innen zu einem unentscheidbaren Dritten, das dem binären Denken spottet, indem es ein Ganzes darstellt, das zugleich ans Unganze gemahnt (…)“. (Marcus Steinweg, HANDDENKEN)
Kurzbiografie Jeannot Schwartz:
*1956 in Lausanne/Schweiz, lebt und arbeitet in Wien und Innsbruck. Seit 1982 zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland. Medien: Malerei, Zeichnungen, Objekte, Designobjekte (Türgriffe, Handläufe), Performances, Installationen, Videos, Fotografien. Kuratorische Tätigkeit, u.a. in seinem „Extraraum“ in Wien. Seine Präsentationen werden oft von Symposien, Vorträgen, Diskussionen und Gesprächen begleitet. Es sind zahlreiche philosophische und kunstkritische Texte (Gunter Gebauer, Emmerich Hörmann, Christian Hufen, Patricia Kösting, Verena Konrad, Marcus Steinweg) über Jeannot Schwartz‘ Arbeit entstanden. Er arbeitete u.a. zusammen mit Daniel Aschwanden (gest. 2021), einem Schweizer Performer, Choreografen, Regisseur und Kurator, der in Wien lebte und arbeitete und die Freie Szene über Jahrzehnte stark prägte.
Bildunterschriften:
Formen der Geste »Nicht«, unterschiedliche Materialien
li: Bild 4/5 u. re.: Bild 5: Installation auf Moosteppich im Korridor