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HARALD MAIRBÖCK – Burning light – turning nature

Mittwoch, 11. Februar 2026, 19.00 Uhr

Korridor – Raum für aktuelle Kunst_sidewalk

Kuratorin: Petra Noll-Hammerstiel

Dauer/Öffnung: 12.–14. Februar, 15.00–19.00 Uhr

Kurztext Einladungskarte:

Harald Mairböcks künstlerische Praxis konzentriert sich auf die Beziehung zwischen Licht und fotografischem Material. Er experimentiert mit Fotopapier, verwendet Licht als eigenständiges Gestaltungselement und schafft Bilder, die den fotografischen Prozess selbst sichtbar machen. Die Ergebnisse sind oft abstrakte, durch Zufall entstandene Formen, in denen die Spuren von Material, Licht und Belichtung dokumentiert werden, so auch bei den Silbergelatine-Prints der Serie light match. Reduktion und Vereinfachung charakterisieren seine Arbeiten. Dies trifft auch zu auf die aktuelle Serie von Digitalfotografien, wesen.gewesen, in der er Pflanzen ihrem natürlichen Kontext entzieht. Was bleibt ist konzentrierte Form, die sich durch Drehungen der Bilder noch einmal irritierend verändert. Der Ausstellungstitel burning light – turning nature ist aus der Verbindung seiner klassisch-analogen mit den aktuellen digitalen Arbeiten entstanden.

Rede zur Vernissage am 11. Februar, Petra Noll-Hammerstiel

Harald Mairböck wurde in Ried im Innkreis geboren und lebt in Wien. Nach Studien der Philosophie und Ethnologie an der Universität Wien, einem Diplomstudium in Maschinenbau an der TU Wien sowie einer Lehrtätigkeit in Technikfolgenabschätzung an der TU und Innovationsmanagement hat er sich der künstlerischen Fotografie zugewandt.

Er ist ein wahrer Experimentierkünstler. Sein Thema ist die Auseinandersetzung mit der Fotografie als Medium und speziell die Beziehung zwischen Licht und fotografischem Material. Er arbeitet mit einfachen technischen Mitteln: Licht, Fotopapier und Entwicklerchemikalien und schafft Bilder, die den fotografischen Prozess selbst sichtbar machen. Hier zeigt er die Werkgruppe burning.light (zwischen 2018–2022) mit analogen Baryt-Silbergelatine-Prints und einer Videoanimation. Eine weitere neue, digital entstandene Werkgruppe heißt turning nature.

Zur Werkgruppe burning. light  gehören die vier Prints light.match, Unikate, die die Lebensdauer ei-nes Streichholzes zeigen. In der Dunkelkammer wurde ein Zündholz entzündet und auf lichtempfindli-chem Fotopapier abgelegt, wo es bis zum Verlöschen brannte. Die gesamte Lichtmenge des abbren-nenden Streichholzes wurde fotografisch festgehalten. Zu sehen sind der Lichthof um die Flamme und die Spuren der thermischen Interaktion mit dem Trägermaterial. Das Papier wurde nicht nur belichtet, sondern es verkohlte und verfärbte sich auch durch den Verbrennungsprozess. Die Arbeit ist somit Fotografie und Brandmalerei gleichzeitig. Nach dem Abbrennen wurde das Streichholz entfernt; zurück blieb die fotografische und thermische Aufzeichnung seiner kurzen Existenz als Lichtquelle – zugleich eine Reflektion über Licht, Zeit und Vergänglichkeit.

Zur Gruppe burning. light gehören auch die vier Unikate one.day.light, zu verstehen als Sammlung von Licht. Die Arbeit bezieht sich auf die Lichtmenge, die von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang am 21. Dez. 2018 – dem kürzesten Tag des Jahres – in einem Ausstellungsraum auf vier Kameras traf. Diese wurden an je einer Wand positioniert, und das lichtempfindliche Barytpapier registrierte die Lichtmenge dieses einen Tages. Das SW-Fotopapier wurde nicht im Entwickler ausgearbeitet, sondern durch indirektes Sonnenlicht cremefarbig bis braun gefärbt – je heller die Wand, desto dunkler das belichtete Papier. Nach dem Fixierbad in der Dunkelkammer blieben vier Bilder von unterschiedlicher Helligkeit zurück. Sie repräsentieren den porträtierten Raum in radikaler Reduktion.

one.day.light ist Architekturfotografie ohne Kamera – eine direkte Indexierung des Raumes durch das Licht selbst. Für den Print beyond. black wurde ein Barytsilbergelatine-Fotopapier im Dunkeln mit einem Passepartout belegt, dessen quadratische Öffnung die zentrale Bildfläche freilegte. Das so maskierte Fotopapier wurde dann einen Tag lang dem natürlichen Tagesverlauf von direktem und indirektem Sonnenlicht ausgesetzt – ohne Kamera, ohne optisches Abbild, allein Zeit und Licht überlassen. Nach der Entwicklung wiesen die vom Passepartout verdeckten Ränder ein tiefes Schwarz auf, das zentrale belichtete Quadrat eine hellere Farbe. Dieses Phänomen der Solarisation beschreibt einen fotochemischen Grenzeffekt bei extremer Überbelichtung, bei dem sich die Silberkeime zurückbilden und die Schwärzung wieder abnimmt.

L3 – die Lichtskulptur ist eine Unikat-Serie von 54 Bildern auf Passepartoutkarton (2024). In der absoluten Dunkelheit der Dunkelkammer beginnt ein Prozess, der archaisches Handwerk mit fotografischer Alchemie verbindet. 54 SW-Fotopapier-Blätter wurden zu einem Block geschichtet und mit schwarzem Papier lichtdicht versiegelt. Dann wurde der Stapel in einem Schraubstock mit Hammer und Stemmeisen bearbeitet, es entstand auch für das Licht ein Weg, um einzudringen. Was hier entstand ist mehr als eine fotografische Aufnahme, es ist eine Lichtskulptur.

Dazu gehört L3 – der Film, eine Videoanimation mit einer musikalischen Improvisation auf der Bassquerflöte von Gabi Eichberger-Mairböck. Dazu gibt es vier Standbilder. Die 54 Einzelbilder, jedes für sich ein autonomes Kunstwerk, werden zur Sequenz. Im Film verwandelt sich die Serie in ein dreidimensionales Kontinuum – der Stapel wird wieder zum Raum, die Schichtung wird zur Bewegung. Was als archaisches, handwerkliches Verfahren begann, mündet in die zeitgenössische Sprache der Videoanimation. Dazu hören wir tiefe, atmende Töne, die den visuellen Rhythmus der sich entfaltenden Lichtskulptur meditativ begleiten.

 Die zwei Baryt-Prints von object.trace fragen: Was ist Abbildung und was ist Original? Die Arbeit be-steht aus zwei Blättern. Ein fotosensibles Blatt wurde in eine dreidimensionale Form gebracht. Diese ephemere Papierskulptur wurde auf einem zweiten Fotopapier dem Licht ausgesetzt. Die Lichtstrahlen trafen auf die skulpturale Form, drangen in sie ein und schrieben dabei das Innen und Außen der Skulptur sowie ihre räumlichen Proportionen fest. Nach der Belichtung wurde die Skulptur wieder zur Fläche entfaltet. Das erste Blatt trägt nun die Spuren dieser Dekonstruktion – Faltungen, Verformungen, Lichteinwirkungen. Dieser Prozess ist reversibel: Die Skulptur könnte aus dem entfalteten Papier theoretisch rekonstruiert werden. Das zweite Bild dokumentiert den Ort, die Lage und die Schattenkontur der temporären Skulptur. Hier überlagern sich zwei fotografische Prinzipien: die direkte weiße Kontaktzone, wo Objekt und Bildträger sich berühren und das Schattenbild, das durch die Kontur und Transparenz des Objekts entsteht, eine optische Projektion. Das fotografische Medium wird selbst zum skulpturalen Material. Die Fotografie ist hier nicht Abbild eines Objekts, sondern das Objekt ist die Fotografie.  

a picture is a sculpture is a picture sind vier Baryt-Silbergelatineprints in einem Rahmen, in denen eine radikale Befragung fotografischer Materialität vorgenommen wird. Die untere Hälfte eines länglichen Fotopapiers wurde durch Biegen, Knicken, Falten, Pressen und Ziehen zu einer Skulptur geformt und mit Licht bestrahlt. Die Lichtstrahlen drangen in die Falten ein und schrieben dabei die räumlichen Proportionen, das Innen und Außen der temporären Skulptur in das lichtempfindliche Papier ein. An-schließend wurde die Skulptur zur ebenen Fläche zurückentfaltet. Das entwickelte Blatt trägt nun die Spuren dieser Metamorphose: Knicke, Faltlinien, Prägungen treffen auf die optischen Einschreibungen des Lichts, das als Schattenkontur in der oberen Blatthälfte erscheint. In dieser Bewegung zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, zwischen Abbild und Objekt, entsteht eine poetische Reflexion über Zeit, Form und fotografische Indexikalität. Das finale Bild ist zugleich Fotografie einer Skulptur und Skulptur.

turning nature ist die zweite Werkgruppe, entstanden 2025/2026, mit der Serie wesen.gewesen. Hier arbeitete Mairböck wieder reduziert: Aber nichts ist komplexer als zu vereinfachen. Nur durch das Ausloten des Vielschichtigen, durch Vergleich und Variation lässt sich überhaupt bestimmen, was wesentlich ist. Pflanzen wurden durch Freistellung ihrem ursprünglichen Kontext entzogen, sie verloren ihre Verortung. Geblieben ist konzentrierte Form und Struktur. Ein zweiter Schritt war die Drehung der freigestellten Bilder um 90 bis 180 Grad. Dadurch wurde eine weitere, fundamentalere Ordnung aufgehoben: die Achse zwischen Wurzel und Blüte, zwischen unten und oben. Dies irritiert und eröffnet Neuinterpretationen. Die erste Drehung um 90 Grad lässt die Pflanze ins Tierreich kippen. Formen, die eben noch botanisch waren, erscheinen plötzlich animalisch, beginnen zu lauern, zu kriechen, sich zu bewegen. Eine weitere Drehung um 90 Grad lässt menschliche Gestalten aufscheinen, Körper, Gesichter, Gesten, vertraut und zugleich fremd. Was sich hier vollzieht, ist mehr als eine optische Täuschung. Es ist ein Prozess der Projektion, in dem unsere Wahrnehmung nach Bekanntem sucht, nach Mustern, die gedeutet werden können. Die Pflanze wird zur Projektionsfläche unserer Vorstellungswelt. wesen. gewesen – der Titel markiert diese Ambivalenz. Das Wesen, das erscheint, ist zugleich vergangen, war nie da, war immer schon da. In der Reduktion liegt nicht Verlust, sondern Potenzial: die Möglichkeit, das Vertraute neu zu sehen, im Einfachen das Vielgestaltige zu entdecken.

Weitere Informationen: http://harald-mairboeck.at

Bildunterschriften: 

Alle Fotos: Harald Mairböck

linke Spalte, von oben:

1) Gesamtansicht, Blick nach hinten 

2) Gesamtansicht, Blick nach hinten

3+4) L3 – der Film, 3 min, Videoanimation, Musikimprovisation Bassquerflöte (Film und 4 Standbilder)

5) light.match, seit 2022, Baryt-Silbergelatineprints, je 40×40 cm, Unikate

rechte Spalte, von oben:

6) one.day.light, 21.12.2018, Baryt-Silbergelatineprints, vierteilige Serie, je 50 x 50 cm, Unikate / beyond.black, Baryt-Silbergelatineprint, 50 x 50 cm

7) v.li.: L3 – die Lichtskulptur, Baryt-Silbergelatineprints, Serie von 54 Bildern auf Passepartoutkarton, 135 x 102 cm  / object.trace, 2021, Baryt-Silbergelatineprints, je  30 x 24 cm (1 Bildpaar) / a picture is a sculpture is a picture, Baryt-Silbergelatineprints, 4 Stk. im Rahmen, je ca. 50 x 25 cm

8) object.trace, 2021, Baryt-Silbergelatineprints, je  30 x 24 cm (1 Bildpaar) / a picture is a sculpture is a picture, Baryt-Silbergelatineprints, 4 Stk. im Rahmen, je ca. 50 x 25 cm

9) wesen.gewesen, 2026, Fine Art Prints auf Hahnemühle German Etching, je 50 x 40 cm

9) wesen.gewesen, 2026, Fine Art Print auf Hahnemühle German Etching, 40 x 50 cm