Multimediale Installation & elektroakustische Intervention
Korridor – Raum für aktuelle Kunst
Hertha-Firnberg-Straße 10, 1100 Wien
Gefördert vom Bundesministerium Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport
Eröffnung: Mittwoch, 3. April 2024, 19.00 Uhr
Einführende Worte: Petra Noll-Hammerstiel, Kuratorin
Konzert: Trio MMNM mit Jura Musger (Sprechgesang), Johannes Ruhland (Keyboard) und Jakob Velkovsky (Bass): drei 20-minütige improvisierte Live-Loopings – eine elektro-akustische Intervention als assoziative Reaktion auf die multimediale Installation von Bastian Schwind reagierten.
Artist Talk: Mittwoch, 24. April, 18:00 Uhr: Jura Musger und Bastian Schwind im Gespräch mit Christian Gold-Kurz
Ausstellungsdauer: 4.4.–4.5.2024
Öffnungszeiten: Do–Sa, 16–19 Uhr u. n. V.
Zur Ausstellung, P. Noll-H.:
A photographic room ist ein weiterer Beitrag von Bastian Schwind zu einer Auseinandersetzung mit Fotografie, die er als offene Kunstform versteht, weg von der klassischen Definition als zweidimensionales Bild an der Wand. Die Materialität, Technik und Ästhetik der Fotografie wird auf allen Ebenen untersucht und erweitert. Wie weit kann man gehen und etwas immer noch als Fotografie bezeichnen? Oder: Ab wann kann etwas fotografisch genannt werden? Kann Fotografie haptisch, fühlbar sein? Bastian Schwind bringt unterschiedliche Materialien wie Holz, Beton, Blei, Glas, Wolle, Karton, Papier ins Spiel, die er selbst handwerklich bearbeitet. Mit diesen Materialien bricht er bewusst mit dem Exakten, Präzisen und Cleanen der Fotografie. Er beschäftigt sich mit dem Medium, ohne hier direkt Fotografien zu zeigen. Bastian Schwind transformiert, spielt mit Zwei- und Dreidimensionalität, setzt sich mit den ureigensten Elementen der Fotografie – Licht, Raum und Zeit – auseinander …
In der Ausstellung a photographic room im Korridor erweitert Bastian Schwind die Fotogra-fie spielerisch und gleichzeitig konzeptuell in Richtung Objekt/Skulptur und Architektur bzw. Raum: Er hat einen fotografischen Raum auf der Basis von Einrichtungselementen eines physischen Raums geschaffen. Der Raum gibt sich ganz reduziert, das meiste ist in Schwarz-Weiß gehalten; dadurch hat er mehr Assoziationskraft und animiert dazu, die einzelnen Schrit-te, die beim Fotografieren gemacht werden, in der Übersetzung zu reflektieren.
Diese Ausstellung ist der erste Teil eines work-in-progress-Projekts mit vorwiegend neuen Arbeiten, Unikaten, die mit ebenso neuen Titeln auf vorangegangenen Serien basieren. Der fotografische Raum wird in geplanten Folgeausstellungen an anderen Orten immer mehr erweitert werden.
Die Arbeit ENTRANCE ist eine Tür im Rahmen, sie führt hinaus in einen Raum für neue Denkweisen. Die Tür hat schmale Schlitze, in die Rollfilme zwischen Glas eingelassen sind, die mehrere Siemenssterne – ein von Siemens in den 1930er-Jahren entwickeltes Hilfsmittel für präzise Schärfe und Auflösung, vor allem bei schwierigen Lichtbedingungen – zeigen. Auf der einen Seite der Tür geht es von Schärfe zu Unschärfe und auf der anderen Seite umgekehrt. Wie die Siemensterne hier präsentiert sind, werden sie nicht nur als technisches Hilfsmittel in einem ungewohnten Zusammenhang zitiert, sondern sind auch grafische Dekoration. An der Tür ist ein Türspion angebracht, der das Sehen mit einem Auge durch den Sucher eines Fotoapparates zitiert, das Fokussieren des Motivs und die Wahl des Ausschnitts.
FOTOGRAFIE IST EIN HAPTISCHES ERLEBNIS – zu dieser Serie hat Schwind schon (seit 2021) einige Teppiche handgetuftet; diese zeigen fotografische Hilfsmittel wie u.a. zur Korrektur von Belichtung und Bildschärfe, wie Testbild, Graukeil, Farbtafel oder Siemensstern. Der titelgebende Schriftzug, der hier gezeigt wird – quasi als Eintritts-„Fußabstreifer“ – ist das inhaltliche Statement der Ausstellung. Beim Handtuften (englisch: to tuft = mit Büscheln verzieren) werden die Wollfäden mit einer Tufting-Pistole durch ein Gewebe geschossen. Diese weiche und fusselige Technik steht im Gegensatz zur mechanischen, cleanen Technik der Fotografie.
In dieser Technik ist auch der sogenannten SCHÄRFETEPPICH entstanden, ein über fünf Meter langer Teppich, der die Länge des Ausstellungsraums Korridor unterstreicht. Die Zahlen auf dem Teppich stehen auf dem Objektiv der Kamera und zeigen den Entfernungsbereich an, innerhalb dessen ein zu fotografierendes Objekt scharf abgebildet wird. Der Teppich kann und soll betreten werden.
Auch in den anderen Arbeiten werden spezifische technische Eigenarten oder Hilfsmittel der Fotografie thematisch aufgegriffen und in eine andere Materialität übersetzt.
Die beiden Fenster wurden von Bastian Schwind bleiverglast. Sie verweisen auf das ureigenste Element der Fotografie, das Licht. Es ist das Thema der Fotografie, das Gestaltungsmittel, auf das es ankommt. Ohne Licht keine Fotografie. Licht bestimmt die Farben, die Stimmung, die Qualität. Mehr oder weniger Licht hat Auswirkungen auf das Bild.
Auf dem FENSTER 1 (Sucher) hinten ist der Sucher einer Kamera, mit dem man den Bildaus-schnitt festlegt, dargestellt. Hier wurde mit Kathedralglas gearbeitet, das nicht ganz glatt und wenig durchsichtig ist.
Beim FENSTER 2 (fotografische Eigenschaften) wurden neben Gläsern auch Materialien verwendet, die mit der Fotografie zu tun haben, wie etwa Spiegel und Blackwrap (eine schwarze Alufolie zum Abschatten von Lichtquellen für Foto, Film und Bühnenlicht). Durch die Verwendung transparenter und opaker Flächen entstand mehr oder weniger Durchsichtigkeit. Damit wird Bezug genommen auf das ureigenste Element der Fotografie – Sehen und Nicht-sehen, mehr oder weniger Licht strömt in die Kamera.
Das Grundelement eines Raumes, die Wand, manifestiert sich hier in einer fotografischen Skulptur mit dem Titel WALL (2022), die ihre Dicke aufgrund von übereinandergeklebten Plakaten mit – immer denselben – Fotos von Plattenbaufassaden aus Wien erhält. Das ur-sprünglich dreidimensionale fotografische Motiv, Waschbeton, wurde durch die Fotografie zweidimensional und durch das Übereinanderkleistern wieder dreidimensional. Die Eisenträger schauen oben aus der Skulptur heraus – wie beim Beton!
Auch bei A WALL TO HANG A CLOCK (2022–24) wurden geklebte Plakate mit dem Motiv von Plattenbaufassaden verwendet. Auf der Wand ist eine mit Batterie funktionierende typische Wiener Uhr aus dem öffentlichen Raum aufgehängt. Zeit spielt in der Fotografie eine ebenso große Rolle wie Licht und Raum.
Eine Kachelwand lassen die 9 ANALOGUE FOSSILS assoziieren – eine Serie mit in Gips ge-gossenen Abdrücken von 4 x 5-Inch-Negativen und einem 35 mm-Film.
PHOTOGRAPHIC SPACES, diese Serie zeigt verschiedene kleine fotografische Räume – eine Edition mit unterschiedlichen Materialien, die mit Fotografie zu tun haben, wie verschiedene Gläser, Filmmaterialien, Dias, Messing.
Bildunterschriften:
links, von oben nach unten:
Ausstellungsansicht
Ausstellungsansicht / Tür: Entrance, 2024, Holztür, Glas, S/W Negative (Detail), 205 x 110 x 150 cm / Teppich: Fotografie ist ein haptisches Erlebnis, handgetufteter Teppich, Polyester, Schafwolle, 111 x 134 cm, Foto: Bastian Schwind
Schärfeteppich, 2024, aus der Serie: Fotografie ist ein haptisches Erlebnis, handgetufteter Teppich, Acrylwolle, Polyester, ca. 550 cm x 110 cm (Detail)
Wall, 2022, Skulptur, geklebte Plakate, Digitaldruck, 219 x 130 c 60 cm / (hinten): A wall to hang a clock, 2022–2024, Skulptur, geklebte Plakate, Bahnhofsuhr, 200 x 60 cm, foto: Bastian Schwind
Analogue Fossils, 2024 Gips, Lack, 9 Stück je 24 x 26 cm, Foto: Bastian Schwind
(li.): Fenster 2 (fotografische Eigenschaften), 2024, Altbaufenster, Bleiverglasung, Blackwrap, Spiegel, Glas, 118 x 54,5 cm / re.: Fenster 1 (Sucher) 2024, Doppelfenster, Bleiverglasung, 111 x 88,5 cm, Foto: Bastian Schwind
rechts, von oben nach unten:
Photographic Spaces, 2024, Glas, Filmmaterial, Messing, Aluminium, 5 Stück je 28 x 13 cm
Fenster 2 (fotografische Eigenschaften), 2024, Altbaufenster, Bleiverglasung, Blackwrap, Spiegel, Glas, 118 x 54,5 cm
Vernissage
Trio MMNM mit Jura Musger (Sprechgesang), Johannes Ruhland (Keyboard) und Jakob Velkovsky (Bass)
Trio MMNM
Trio MMNM